Geplante Obsoleszenz

Aus Nachhaltige Gesellschaft
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Buchtipp: "Kaufen für die Müllhalde
Das Prinzip der geplanten Obsoleszenz"
von Jürgen Reuß und Cosima Dannoritzer[1]


Die Geplante Obsoleszenz, auch geplanter Verschleiß oder eingebaute Schwachstelle, beschreibt eine Spezialform der Obsoleszenz. Dabei wird die Lebensdauer von Produkten von Seiten der Hersteller absichtlich reduziert. Das Phänomen war schon mehrfach Gegenstand wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Debatten, ist aber nach wie vor nicht klar definiert. Insbesondere der Nachweis der Absichtlichkeit und die Abgrenzung zur Sollbruchstelle fällt schwer: Der Duden beschreibt als Sollbruchstelle eine „Stelle in einem Bauteil o. Ä., die so ausgelegt ist, dass in einem Schadensfall nur hier ein Bruch erfolgt.“[2]

Definition

Der Begriff geht zurück auf Bernard Londons Veröffentlichung Ending the Depression Through Planned Obsolescence aus dem Jahre 1932.[3]

Gemeint ist mit ihm heute ein Teil einer Produktstrategie, bei der schon während des Herstellungsprozesses bewusst Schwachstellen in das betreffende Produkt eingebaut, Lösungen mit absehbarer Haltbarkeit und/oder Rohstoffe von minderer Qualität eingesetzt werden, die dazu führen, dass das Produkt schneller schad- oder fehlerhaft wird und nicht mehr in vollem Umfang genutzt werden kann.

Zur geplanten Obsoleszenz gehören auch Maßnahmen, die nicht auf die direkte (Zer-)Störung der eigentlichen Funktionalität abzielen, sondern bewusst Möglichkeiten der Abnutzung einbauen. So kann durch entsprechende Materialauswahl das Aussehen und die Haptik eines Produkts derart beeinflusst werden, dass (etwa) nach Ablauf der Gewährleistungsfrist ein direkter Vergleich mit Neuprodukten Letztere erheblich besser dastehen lässt, als es bei einem bloßen Vergleich ihrer Funktionalität der Fall wäre. So werden etwa bei Mobiltelefonen bewusst leicht einzudrückende Schalen oder Gehäuse mit Kunstlederanteilen eingesetzt, die nach einiger Zeit deutlich abgegriffen erscheinen.

Möglich ist auch der Einbau von Mechanismen, die nach einer gewissen Betriebsstundenzahl (die dabei größer als die Garantiezeit sein sollte) entweder eine Zerstörung wichtiger Funktionskomponenten hervorrufen oder zumindest eine Betriebsstörung vortäuschen. Das Gerät kann dann nur noch durch eine in der Gebrauchsanleitung nicht dokumentierte, allein den Servicetechnikern bekannte Aktion wieder in Gang gebracht werden. Letzteres war (und ist womöglich immer noch) bei manchen PC-Druckern der Fall.[4][5] Auch durch falsche oder mangelhafte Angaben bei Gebrauchs- und Reparaturhinweisen kann die Langlebigkeit von Produkten verkürzt werden.[6]

Film "Kaufen für die Müllhalde"

Kaufen für die Müllhalde ist ein mehrfach preisgekrönter französisch-spanischer Dokumentarfilm der Regisseurin Cosima Dannoritzer aus dem Jahr 2010.[7] Der Film erschien zunächst im Kino und wurde im deutschen Fernsehen ab 2011 mehrfach auf Arte[8] und Phoenix[9] ausgestrahlt.

Handlung

Die Dokumentation befasst sich mit geplanter Obsoleszenz, der vom Hersteller absichtlich eingeschränkten Lebensdauer von Produkten, die den Absatz von Ersatzprodukten erhöhen soll. Neben der Behandlung konkreter Beispiele geht es um die ökonomischen und ökologischen Folgen der Konsumgesellschaft. Zu Wort kommt unter anderem der französische Ökonom und Philosoph Serge Latouche als Vertreter des Konzepts der Wachstumsrücknahme.

Behandelte Beispiele

  • Das Centennial Light (englisch hundertjähriges Licht) gilt als die langlebigste Glühlampe der Welt. Sie wird als Beleg für Absprachen unter Glühbirnenherstellen im Rahmen des Phoebuskartells herangezogen, dessen Ziel es unter anderem war, die durchschnittliche Lebensdauer von Glühlampen auf 1000 Stunden zu beschränken.
  • Anhand der Marktstrategie von Alfred P. Sloan, Präsident von General Motors von 1923 bis 1937, wird der Einzug der geplanten Obsoleszenz in die Automobilindustrie aufgezeigt.
  • Im Rahmen der Weltwirtschaftskrise schlug Bernard London in seinem Werk „Ending the Depression Through Planned Obsolescence“ vor, alle Produkte mit einem Verfallsdatum zu versehen, nach dessen Ablauf sie bei einer Behörde abgeliefert und zerstört werden müssten. Auf diese Weise sollten der Konsum angeregt und Arbeitsplätze geschaffen werden.
  • Die ebenfalls sehr langlebige Glühbirne der Marke Narva wird als weiterer Hinweis für die Existenz der geplanten Obsoleszenz bei modernen Glühlampen behandelt.
  • Besonders resistente Nylonstrumpfhosen sollen zwecks schnelleren Verschleißes durch minderwertigeres Material kurzlebiger gemacht worden sein.
  • Der Tintenstrahldrucker Epson Stylus C42UX soll nach einer bestimmten Anzahl gedruckter Seiten eine Defektmeldung ausgeben, woraufhin die weitere Verwendung des Druckers verhindert wird. Diese Sperre, die durch einen speziell für diesen Zweck vorhandenen Chip verursacht werden soll, könne mit Hilfe einer speziellen Software abgeschaltet werden.
  • Der Akku des iPod classic wird als Beispiel für geplante Obsoleszenz bei moderner Unterhaltungselektronik herangezogen.

Auszeichnungen

  • Best Documentary on 'Science, Technology and Education', GZDOC 2010, China[10]
  • Best Documentary, Spanish Television Academy Awards, 2011
  • Best Film, SCINEMA 2011, Australia[11]
  • Best Feature Documentary, Filmambiente 2011, Brazil[12]
  • Maeda Special Prize, NHK Japan Prize 2011[13]
  • Ondas Internacional 2011, Spain
  • Special Jury Mention, FICMA 2011, Spain
  • Finalist, Focal International Awards 2011, London, U.K.
  • Finalist, Magnolia Awards, Shanghai TV Festival 2011, China
  • Finalist, Prix Europa 2011, Berlin

Verbraucherschützer kritisieren fest eingebaute LED-Lampen

Bei fast einem Drittel der Leuchten können Leuchtmittel nicht ausgetauscht werden

Immer mehr Decken-, Tisch- oder Stehleuchten haben fest eingebaute LED-Lampen, die nicht ausgetauscht werden können. Die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz überprüfte in einer Stichprobe mehr als 4.000 Leuchten aus fünf Baumärkten. Das Ergebnis: Bei fast einem Drittel der Leuchten, in zwei Baumärkten sogar bei über 40 Prozent, waren die Leuchtmittel nicht austauschbar. "Diese Entwicklung sehen wir mit Sorge", erklärte die Energieexpertin der Verbraucherzentrale, Elke Dünnhoff. Gehen einzelne LED-Lampen nach Ablauf der gesetzlichen Gewährleistungsfrist von zwei Jahren kaputt, "dann muss man sie auf eigene Kosten reparieren lassen – oder die gesamte Leuchte landet auf dem Müll.[14]

Ökodesign-Richtlinie: nur 50% der LED-Leuchtmittel müssen die angegebene Lebensdauer erreichen

Zwar seien LEDs in der Regel sehr langlebig. Laut Herstellerangaben hielten sie etwa 15 bis 25 Jahre, erklärte Dünnhoff. Doch gebe es Schlupflöcher bei den vorgeschriebenen Produkttests. So müsse die Mindestlebensdauer von 6.000 Stunden nur von 90 Prozent der getesteten Lampen erreicht werden. Das entspreche einer Brenndauer von täglich drei Stunden in sechs Jahren. Zudem berücksichtigten die Tests keine Spannungsschwankungen, wie es sie im echten Stromnetz gebe. Ein weiteres Schlupfloch sei die Ökodesign-Richtlinie für Lampen und Leuchten, wonach nur 50 Prozent der Lampen die auf der Verpackung angegebene Lebensdauer tatsächlich erreichen müssen. "Wer eine LED der anderen Hälfte erwischt, hat Pech gehabt", erklärte Dünnhoff.[14]

Wie können Konsumenten der "Geplanten Obsoleszenz" entkommen?

Deutsche Umwelthilfe empfiehlt Kauf austauschbarer LED-Leuchtmittel

Dass sich die LED-Leuchtmittel bei vielen LED-Leuchten nicht austauschen lassen, wird zum Problem. Empfohlen wird daher stattdessen der Kauf von LED-Birnen mit genormtem Stecksockel. Die Deutsche Umwelthilfe hält neue LED-Leuchten mit fest verbauten Lampen trotz des geringen Energieverbrauchs für bedenklich, weil sich die Leuchtmittel nicht austauschen lassen. Das ist eine schwierige Sache: "Wenn die Lampe kaputt ist, kommt die ganze Leuchte auf den Müll. Da ist die Umweltbilanz natürlich getrübt", sagte der Kreislaufwirtschaftsexperte der Organisation, Philipp Sommer. Sommer appellierte an die Industrie und an die Konsumenten, wo immer es möglich ist, bei LED-Birnen mit genormten Stecksockeln zu bleiben. Bei klassischen Deckenleuchten etwa sollte der Austausch der Lampe möglich bleiben. Die Hersteller erwiderten, es gebe ein ausreichendes Angebot von Leuchten sowohl mit fest verbauten als auch mit austauschbaren LED-Lampen, das jedoch aus Konsumnetsicht zu gering ist. Oft fehlt leider auch die klare Kennzeichnung, ob das Leuchtmittel austauschbar ist. Zur Feststellung müssen oft im Baumarkt die Verpackungen geöffnet werden.[15]

Trend geht leider zu Leuchten mit fest verbauten LED
Die sparsamen Leuchtdioden (LED) setzen sich im Handel immer mehr gegen sogenannte Energiesparlampen und gegen Halogenlampen durch. In Leuchten sind die Dioden immer öfter fest verbaut, was neuartige Designs erlaubt. Unter Umständen sind solche Leuchten auch billiger - etwa wenn Kunden zusätzlich zur Leuchte noch Lampen kaufen müssen. Austauschen kann diese Lampen aber allenfalls der Hersteller. Der Trend geht zu Leuchten mit fest verbauten LED, bestätigte Jürgen Waldorf, Geschäftsführer des Fachverbands Licht im Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie. Das ermögliche nicht nur neue Designs, sondern sei auch Voraussetzung für eine lange Lebensdauer von LED. Vereinfacht gesprochen hilft dann das Gehäuse, die Temperatur der LED-Lampe zu regulieren. Wer dagegen Wert auf austauschbare Leuchtmittel lege, könne auch im Nachhinein die Lichtfarbe und die Farbwiedergabe des Leuchtmittels ändern. Es gibt ein ausreichendes Angebot, der Kunde kann auswählen, was ihm wichtiger ist, sagte Waldorf. LED-Lampen sind extrem länger haltbarer als alte Glühbirnen, bestätigte Umwelthilfe-Fachmann Sommer. Aber auch deren Haltbarkeit kann unter derjenigen der Leuchte liegen. Und Leuchten für 20 oder 50 Euro schicke niemand zum LED-Austausch zum Hersteller. Sie landeten komplett im Müll.[15]

Rasierer ohne Akku leben länger

Ein Beispiel, bei welchem Hersteller die Verbraucher systematisch zu sehr kurzlebigen umweltproblematischen Produkten drängen, sind die Akku-Rasierer oder Akku-/Netzrasierer. Während die Konsumenten noch vor einigen Jahren unter einer sehr großen Anzahl qualitativ sehr guter Netzrasierer (Herrenrasierer oder Damenrasierer) ohne Akku wählen konnten, stellen die großen Rasierer-Hersteller wie Braun, Remington oder Philips kaum mehr gute Netzrasierer ohne Akku her. Auf den Herstellerseiten wird auch kein Link gezielt zu Rasierern ohne Akku angeboten, so dass dem Interessenten für Netzrasierer die Suche nach reinen Netz-Rasierern mit 230 V bewusst erschwert wird. Die wenigen Netzrasierer, welche noch erzeugt werden, werden qualitativ oft so schlecht erzeugt, dass bei Rezensionen z.B. auf Amazon.de, über die schlechte Haltbarkeit der Netzrasierer geklagt wird. Es gibt kaum Internetplattformen, wo man gezielt mit einem Filter nach Netzrasierern ohne Akku suchen kann, wie dies wegen umfangreicher Such-Kriterien auf der Internet-Vergleichsplattform Compare.eu möglich ist.[16]

Geräte-Abnutzung: Umweltbundesamt plant Mindestlebensdauer-Kennzeichnung für Elektrogeräte

Geplante Obsoleszenz könnte durch eine Mindestlebensdauer-Kennzeichung enttarnt werden. Zur Energie-Effizienzklasse gesellt sich möglicherweise bei Elektrogeräten bald noch eine weitere Kennzeichnung. Dr. Ines Oehme vom Umweltbundesamt bestätigte im Interview mit SWR3 [17], dass man derzeit an Konzepten für eine Mindestlebensdauer arbeite.

Keine Reparaturen innerhalb der Mindestlebensdauer
Laut Oehme soll mit dieser Kennzeichnung ein Zeitraum festgelegt werden, in dem für den Kunden keine Reparaturen anfallen dürfen. Während die Angaben bei einigen Produkten in Jahren erfolgen können, soll die Lebensdauer anderer Geräteklassen beispielsweise in Brennstunden bei Lampen oder Waschgängen bei Waschmaschinen errechnet werden. [18]

Hersteller lehnen Vorschlag ab
Die Markenhersteller zeigen sich von der Idee wenig begeistert. Laut Werner Scholz vom Zentralverband Elektrotechnik- und Elektroindustrie sei eine solche Lebensdauerkennzeichnung mit einem sehr hohen Nachprüfungsaufwand verbunden und hätte nur eine sehr begrenzte Aussagekraft. Es bleibt abzuwarten, ob das Umweltbundesamt seine Forderung letztlich gegen die Industrie durchsetzt.[18]

Literatur

Weblinks

Englische WebLinks

Einzelnachweise

  1.  Jürgen Reuß und Cosima Dannoritzer: Buchtipp: Kaufen für die Müllhalde - Das Prinzip der geplanten Obsoleszenz. ISBN 9783936086669.
  2. Sollbruchstelle in duden.de, abgerufen am 24. Juni 2013
  3. Datei:London (1932) Ending the depression through planned obsolescence.pdf, 1932
  4. geplante-obsoleszenz-der-motor-der-wirtschaft
  5. Dokumentarfilm von Cosima Dannoritzer, Kaufen für die Müllhalde, 75 Minuten, 2010. (Online) (Min.: 0-1:40, 12:05-13:02, 25:08-25:59, 51:36-52:08)
  6. Lebensdauer von Produkten (german). konsument.at (24. Januar 2013). Abgerufen am 30. Januar 2013.
  7. Kaufen für die Müllhalde, IMDb
  8. Kaufen für die Müllhalde, Arte
  9. Kaufen für die Müllhalde, Phoenix
  10. Guangzhou International Documentary Film Festival, China 2010
  11. SCINEMA awards, Australia 2011
  12. filmambiente, Brasilien 2011
  13. Japan Prize 2011
  14. 14,0 14,1 Verbraucherschützer kritisieren fest eingebaute LED-Lampen, 2. Mai 2016, abgerufen am 28.3.2017
  15. 15,0 15,1 Umwelthilfe bemängelt Ökobilanz fest verbauter LED-Lampen, futurezone.at, 18.10.15, abgerufen am 38.3.2017
  16. Internetangebote von Elektrorasierern mit Stromversorgung (Netzrasierer für 230V ohne Akkumulator), compare.eu, 17 Artikel bei Abruf am 4.8.2013
  17. Interview mit Dr. Ines Boehme in SWR3: Neue Kennzeichnung gefordert „Gerät geht nicht kaputt bis…“, 24. Juni 2015
  18. 18,0 18,1 Geräte-Abnutzung: Umweltbundesamt plant Mindestlebensdauer-Kennzeichnung für Elektrogeräte, ComputerBild.de, 26. Juni 2015
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